Einleitung

Schon der Titel des Buches von Zygmunt Bauman "Postmoderne Ethik" (1995) zeigt das Problem an. Er könnte mit einem Fragezeichen versehen werden: "Postmoderne Ethik?". Das Fragezeichen verweist auf die Schwierigkeit: Sind Postmoderne und Ethik überhaupt vereinbar?

Unter dem Schlagwort Postmoderne wird beispielsweise veranschlagt:

"Postmoderne ... vertritt das Prinzip 'radikaler Pluralität' in Bezug auf 'Wissensformen, Lebensentwürfe, Handlungsmuster' sowie 'Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit' ...;" (Böhm 1994: 550; darin zitiert Welsch)

Im selben Wörterbuch findet sich unter dem Stichwort Ethik folgender Eintrag:

"Ethik ...; (griech. ethos = gewohnter Ort des Lebens, Sitte), Teilsdisziplin der praktischen Phil., die sich mit der Analyse und Begründung sittlich guten Handelns beschäftigt." (Böhm 1994: 208)

Für Postmoderne wird radikale Pluralität, radikale Vielfalt - auch ethischer und moralischer Entwürfe - behauptet. Bauman spricht sogar von Ambivalenz, d.h. von der doppeldeutigen Widersprüchlichkeit ein und desselben Gegenstandes (vgl. Bauman 1995a). Dagegen hebt die Definition der Ethik auf ein gutes Handelns ab.

Will man also eine postmoderne Ethik entwerfen, besteht die Schwierigkeit darin, Ambivalenz und gutes Handeln zusammen zudenken; und zwar derart, dass nicht nur Toleranz, d.h. das bloße nebeneinander Bestehen verschiedener Entwürfe, das Ziel ist, sondern vielmehr Solidarität, also die Anerkennung der Verschiedenheit (vgl. Bauman 1995a: 285).

Worin besteht die Schwierigkeit genauer? Sie besteht darin, dass für gewöhnlich ethisches bzw. moralisches Handeln mit eindeutigem Handeln gleichgesetzt wird. Man meint, Eindeutigkeit, - moralisch gesprochen - das etwa so und nicht anders gehandelt werden sollte, vermittele Sicherheit.

Ambivalenz hingegen vermittelt kaum Sicherheit, denn sie besagt: Es kann moralisch richtig scheinen dieses zu tun, oder jenes zu unterlassen, aber eine letzte Garantie, eine eindeutige Versicherung, dafür gibt es nicht. Man kann etwas Gutes wollen, demgemäß auch Handeln und trotzdem im Nachhinein erschreckt feststellen, dass etwas Schlechtes herausgekommen ist. Dies gilt sowohl für das persönliche Handeln als auch generell für "die Moderne"! Die Moderne folgte der Suggestion, die Welt gut einzurichten, d.h. so zu gestalten, dass menschliches Zusammenleben ethisch und moralisch gelingen kann, obwohl sie auch Fürchterliches, z.B. den Terror und die Barbarei des Totalitarismus, mit hervorgebracht hat.

Deshalb kann eine "postmoderne Ethik" nicht einen neuen Code ethischen bzw. moralischen Handels hervorbringen, der das Handeln anleitet, indem er festschreibt, wie zu handeln sei, damit "die Welt gut werde".

Es geht ihr vielmehr, um das Bezeichnen von Problemen einer modernen Ethik, ohne vorschnell "neue Lösungen aus dem Hut zu zaubern". Gewissermaßen ist die Postmoderne eine Moderne ohne Illusionen (vgl. Baumann 1995:55)! Schon Jean-Francois Lyotard, der das Schlagwort 1979 in die Debatte einführte, wollte

"(...) nicht eine neue Epoche ausrufen, sondern ein Grundproblem der Gegenwart ... artikulieren" (vgl. Pries/Welsch in MPL 1995: 543).

Ebenso Zygmunt Baumann: Er begreift die Postmoderne nicht in einem zeitlichen Sinn, sondern derart, dass Postmoderne die Schwierigkeit bezeichnet, die modernen Wege der Herstellung von Eindeutigkeit - auch in ethischen und moralischen Fragen - weiter zu begehen (vgl. Bauman 1995: 22).

Für eine postmoderne Ethik kann dies bedeuten:

"(...) das Leben eines denkenden und mitfühlenden Menschen ist zum Risiko, zur Unsicherheit und zur Verantwortung verdammt ..." (Bauman 1998)

" 'Der Logik spotten, wenn sie gegen die Menschheit ist' (Dialektik der Aufklärung). Eine Faustregel gewiß - aber auch eine zutiefst ethische Entscheidung, und alle ethischen Entscheidungen sind Faustregeln, selbst wenn ihre Vertreter und Befürworter so tun, als wüssten sie dies nicht ...." (Bauman 1998)

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